#me – Zucht der Narzissten

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Du, Nova Lana Love, bist die Schönste.

Doch Caro Daur ist noch tausend Mal schöner als du. Und Pamela Reif erst, liebe Nova, gegen die hast du leider gar keine Schnitte. Aber leg doch mal einen neuen Filter drauf, vielleicht klappt es dann auch mit der Stiefmutter.

Wir alle tragen den Spiegel unserer Eitelkeit inzwischen mit uns herum. Bei mir steckt er meistens in der Hosentasche. Er kann natürlich viel mehr als einst im Märchen.

Mein Spiegel zeigt mir wann immer ich die große Sehnsucht verspüre, mich mal wieder selbst zu sehen, nicht nur mein Ebenbild, er macht auch gleich noch Fotos und Videos von dem wichtigsten und wahrscheinlich schönsten Menschen auf dem gesamten Planeten. Nämlich von mir.

Und wenn einem etwas wirklich Schönes passiert, also ich mir passiere, was für ein Bedürfnis hat man dann ganz selbstverständlich? Man möchte diese Erfahrung teilen.


auge herz like Instagram Facebook social media lilli Hollunder

 

Zum Glück gibt es mittlerweile genügend Plattformen, auf denen man mit seiner Schönheit nicht alleine sein muss.

Stellt euch vor, Schneewittchens böse Stiefmutter hätte damals schon Instagram gehabt. Sie hätte sich sicher nicht so einsam und unscheinbar neben der schönen Stieftochter gefühlt. Sie hätte andere Frauen in ihrem Alter gesehen und wahrscheinlich festgestellt, dass sie gar nicht so übel war.

Schließlich hätte sie nicht versucht, das gute Schneewittchen umzubringen und die ganze Geschichte wäre eher eine Rosamunde Pilcher-Verfilmung geworden.

Und nicht nur wegen der märchenhaften Kulissen samt Schloss, verschneitem Wald, verführerischem Obst und kleinen niedlichen Männern.

Immer wenn ein neues Smartphone auf den Markt kommt, fragen wir uns, was hat es diesmal für neue Features?

Das Ding kann tatsächlich Fotos machen? Was damals als Gag anfing, gewann schnell an Eigendynamik.
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Heute wird das Internet geflutet von Selfies und glänzenden Arschbacken.

Jeder, der was ist, oder was sein will, schmollt die Lippen bis zum Anschlag.

Fitnessmodels zeigen ihren perfekten Körper, normale Models ihre natürliche Schönheit, Bloggerinnen ihre Taschen.

Und dann die vielen Mädchen, die während der Autofahrt am Steuer Playback in die Kamera singen. Die geben mir den Rest.

Können wir denn nicht hin und wieder Besseres oder – ich wage mich jetzt selbst auf dünnes Eis – Sinnvolleres mit unserer Zeit anfangen als diese permanente Selbstbespiegelung?

Schaut genau hin! Ich am Strand, ich im Bad, ich in der Küche, ich gerade aufgewacht. Meine neuen Kleider, meine neuen Sneakers, meine berühmten Freunde. Ich in Saint Tropez, ich in der Limousine, ich im Flugzeug, ich mit Leonardo, ich und mein Superfood…

Ist das nicht wundervoll, wie sozial wir alle geworden sind? Was waren die Leute früher ohne Internet doch für egoistische Einsiedler?!

Sozial hin oder her, ich komme nicht umhin mich zu fragen, wird unsere Gesellschaft bald aus rein narzisstischen Charakteren bestehen?

Bis vor einigen Jahren musste man sich im Kindes- und Teenageralter noch keine Gedanken machen, wer bin ich und wie werde ich wahrgenommen. Man konnte einfach sein. Jeden Tag ein paar Millimeter wachsen, die große Schwester nerven, modische Todsünden begehen, über die man in 15 Jahren entweder lachen oder sich die Hände vors Gesicht schlagen würde, sich heimlich auf dem Schulhof in einen Jungen verlieben, der unerreichbar schien – und es auch war.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute müssen die Kinder posten und alle auf dem Laufenden halten, um nicht Außenstehende zu sein. Deine Insta-Seite zeigt, was du hast und wer du bist. Wie praktisch. Es ist gar nicht mehr notwendig dich persönlich kennenzulernen.

 

fremdbestimmt social media für andere wer bin ich lilli Hollunder

 

 Ich habe ehrlich großen Respekt vor dieser Entwicklung.

Werden wir dadurch nicht mehr und mehr zu oberflächlichen Menschen, die sich einen Dreck um Andere scheren? Die nur noch in ihrem selbstverliebten Mikrokosmos existieren?

Die Social-Media-Welt schult die Jüngeren geradezu, sich selbst ungesund wichtig zu nehmen. Und nach mir die Sintflut.

Narzissmus – eine neue Staatsform.

Ich nehme mich da gar nicht raus. Ich möchte auch nicht, dass Fotos von mir im Internet herumrumschwirren, auf denen ich mich hässlich finde.

Ich will auch zeigen, wenn ich besonders glücklich bin. Wenn ich einen Erfolg zu verkünden oder gerade den schönsten Sonnenuntergang meines Lebens vor der Nase habe.

 In uns allen steckt me, myself and I.

Das ist sicherlich Teil der Überlebensstrategie. Schwierig wird es aber dann, wenn oberflächliche, materielle Dinge die wahren Werte verdrängen.

Worum geht es im Leben wirklich?

Es wäre arrogant, wenn ich diese Frage hier für alle beantworten wollte. Diese Frage kannst nur du dir beantworten.

Und wenn du deine Antwort kennst, sollte sie dein Anker sein. Die Basis, die weder von oberflächlichen noch unwichtigen Dingen erschüttert werden kann. Dann kann man rumspielen auf Facebook oder Instagram, nen Schmollmund machen oder auch nicht. Denn das Wissen um das Echte gibt dir die Stärke, dich selbst nicht zu ernst zu nehmen und auch mal über dich zu lachen. Daher ist es auch nicht schlimm, das Spiel mitzuspielen.

Die Kunst ist nur, den ganzen Scheiß auch mal zu hinterfragen.

 

lilli Hollunder spiegel social media

Fotos: Marius Sperlich (Freund)

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14 Kommentare

  • Beantworten
    Tanja
    4. Mai 2017 um 18:57

    Super toll geschrieben! Wahre Worte! Freue mich schon auf mehr! 😉 Viele Grüße

    • Beantworten
      Lilli Hollunder
      4. Mai 2017 um 20:34

      Vielen Dank 🙂

    • Beantworten
      Lilli Hollunder
      9. Mai 2017 um 23:33

      Danke, liebe Tanja! 🙂

  • Beantworten
    Claudi
    4. Mai 2017 um 22:27

    Sehr sehr guter Beitrag! So wahr und so ehrlich! Mach bitte unbedingt weiter so! 😊

    • Beantworten
      Lilli Hollunder
      4. Mai 2017 um 22:50

      Das macht mir Mut, danke!!

  • Beantworten
    Thea
    4. Mai 2017 um 22:50

    Tiefgründig und inspirierend!!

  • Beantworten
    Simmy
    4. Mai 2017 um 23:33

    À la bonne heure!
    Sehr gut geschrieben und sollte jeden zum Nachdenken bringen!

  • Beantworten
    Maren
    5. Mai 2017 um 11:32

    Tw etwas verstörende Fotos, aber schon wahr. Wenn man dein Instagram account ansieht kommt man nicht drauf dass du so tickst- bin gespannt wie es weitergeht 👍🏻🎈

  • Beantworten
    Laura
    5. Mai 2017 um 14:07

    Super geschriebener Text! Schön, dass du in deinen Instastories ein ganz anderes Bild zeigst 👍🏼😊

  • Beantworten
    Jörg
    11. Mai 2017 um 18:49

    Ha! Ich fühle mich sowas von bestätigt. Als ich dich damals vor vielen Jahren das erste Mal bei VL ins Bild stolpern sah (Entschuldige, schweben, ich meinte natürlich schweben 🙂 ), dachte ich mir irgendwie gleich, dass hinter diesen Augen mehr Tiefgründigkeit verborgen sein muss als man es bei der typischen Soapdarstellerin (gibt es die?) im allgemeinen vermutet.
    Ach so, der Artikel? Ja, volle Zustimmung, mich beunruhigt dieses Phänomen auch regelrecht. Ich trauere mit Kindern, die ich gar nicht kenne, um ihre verlorene Kindheit, die wir alle, die wir vor der Smartphone-Welle aufgewachsen sind, noch erleben durften. Ok, wenn ich mich nicht gerade in meinem eigenen Glanz sonne, dass ich ja schon immer gewusst habe, dass… siehe oben 😉

  • Beantworten
    Yeama
    18. Mai 2017 um 0:27

    Du sprichst mir aus der Seele! Ich glaube, fast keiner kann sich aus diesem Instagram-Kosmos selbst herausnehmen, aber mich nervt diese ganze Selbstinszenierung. Dieses unnatürliche Innehalten im Alltag um ja kurz sein Essen zu knipsen oder schnell mal ein Selfie zu machen. Wie gesagt, fast jeder hängt da mittlerweile drin. Wirklich guter Artikel 🙂

    • Beantworten
      Lilli Hollunder
      21. Mai 2017 um 20:06

      Danke!! Man muss sicher einen Weg finden, die Balance zu finden. Mir gelingt das auch nicht immer, da ich Social Media für meinen Beruf brauche. Ich versuche es daher einfach mit Humor zu nehmen 😉

  • Beantworten
    Alexa
    14. Juni 2017 um 14:30

    Einfach nur GENIAL!!!!!!!!!

  • Beantworten
    Sabine Männchen
    26. Juni 2017 um 8:55

    Super toll geschrieben!!!!! Weiter so ,du hast eine so sympathische Art und drückst es in all deinen Worten aus .Klasse

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